Was tun, wenn Angehörige depressiv sind? Und woran erkennt man das?

Wie kann man den Unterschied erkennen, zwischen „gedrückter Stimmung“; wie sie jeder mal hat, und einer „Depression“?
Das ist wichtig, weil die Depression eine Krankheit ist, die behandelt werden kann (und sollte). Und die Aussichten auf Besserung und Heilung sind dabei umso besser, je früher die Depression erkannt und behandelt wird.

Wir fragen Anja Hiltmann, Psychologin an unserer PIA in Breklum:
(PIA ist die Kurzform für „Psychiatrische Institutsambulanz“)

„Eine Depression wird festgestellt, wenn die Beschwerden mindestens zwei Wochen andauern. Hilfe suchen die Betroffenen leider erst nach sehr viel längerer Zeit. Die Betroffenen berichten vor allem über traurige gedrückte Stimmung, und Antriebslosigkeit. Sie fühlen sich müde und empfinden keine Freude mehr an den Dingen, die sie sonst gern gemacht haben, wie etwa Hobbies, Sport oder Besuch von Freunden. Viele fühlen sich innerlich leer und hoffnungslos – wie versteinert“, erklärt Anja Hiltmann.
„Aber diese Symptome können auch andere Ursachen haben: zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen, Erschöpfungszustände nach Infektionen oder chronischen Erkrankungen, Nebenwirkungen von Medikamenten, Drogen und Alkohol und vieles mehr. Daher ist es ganz wichtig, zunächst zur Hausärztin oder zum Hausarzt zu gehen und sich untersuchen zu lassen.

Werden keine körperlichen Ursachen für die Symptome gefunden, sollten die Betroffenen schnell weitergehende Hilfe suchen. So können sie und auch Angehörige sich beraten lassen: Erstberatungsangebote hat zum Beispiel das Diakonische Werk, z.B.   in Husum , aber es gibt auch viele andere. Einen zeitnahen Facharzttermin innerhalb von wenigen Wochen gibt es über die Kassenärztliche Vereinigung  www.kvsh.de .

Ein Aufenthalt in einer Klinik oder Tagesklinik kann in schweren Fällen erforderlich sein. Hierfür wird eine Überweisung vom Hausarzt benötigt. Ganz wichtig ist: sind die Betroffenen so schwer erkrankt, dass sie Suizidgedanken hegen, muss sofort ärztliche Hilfe gesucht werden!
Dies können auch die Angehörigen veranlassen. Die Betroffene sind oft selbst dazu nicht in der Lage.“

In der Therapie spielt die „Aktivierung“ eine große Rolle

„Ein großes Problem bei der Behandlung von Menschen mit einer Depression ist, dass die Erkrankung selbst es erschwert, dass die Betroffenen sich Hilfe suchen. Durch den gestörten Antrieb können sie sich wie gelähmt fühlen und haben Schwierigkeiten, Entscheidungen treffen. So kann ein Teufelskreis entstehen, aus dem man schwer alleine herausfindet.

In der Therapie spielt deshalb auch die Aktivierung eine Rolle: Konkret sind das in unserer   Tagesklinik  zum Beispiel Bewegungstherapie, kreative Arbeiten oder Handwerken in der Ergotherapie, gemeinsames Kochen und Essen, Musik- oder Trommelgruppen und vieles mehr.

Weitere wichtige Therapiebausteine können Info-Gruppen sein, in denen über die Erkrankung, Ursachen und Therapien gesprochen wird, und das Erlernen von Entspannungstechniken. Die Psychotherapie spielt ebenfalls eine wichtige Rolle.

Medikamente können dabei helfen, die Stimmung zu heben und den Eigenantrieb zu stärken. Dies wird mitunter zunächst benötigt, damit die Betroffenen die anderen Bausteine der Therapie annehmen und für sich nutzen können. Die alleinige Therapie sollten Medikamente aber nicht sein.“

Was tue ich, wenn Angehörige unter einer Depression leiden? 

Und woran erkenne ich das? „Besteht der Verdacht, dass ein Elternteil von einer Depression betroffen ist oder andere Angehörige? Hinweise darauf geben veränderte Verhaltensweisen, etwa 

  • Trägheit und keine Lust etwas anzufangen oder zu unternehmen
  • Antriebslosigkeit: Hobbies und andere Aktivitäten, die die Person früher gern ausgeübt hat, werden vernachlässigt
  • Verabredungen mit Freunden oder Angehörigen werden oft abgesagt oder immer wieder verschoben
  • Eventuell vermehrtes Trinken (alkoholische Getränke)
  • vermehrtes Weinen und Äußern trauriger Gefühle
  • oder auch: vermehrte Reizbarkeit / aggressive Äußerungen (häufiger bei Männern)
  • Schlafstörungen


Ermutigen Sie betroffene Angehörige, zunächst ihren Hausarzt aufzusuchen, bieten Sie Ihnen an, sie zu begleiten, wenn Sie merken, dass sie es allein nicht schaffen.

Ermuntern Sie Betroffene, das Thema auch wirklich offen anzusprechen. Die Betroffenen fühlen sich oft schuldig und denken, dass sie keine Hilfe verdienen. Sie neigen beim Arztbesuch daher dazu, die Symptome herunterzuspielen.

Es gibt auch Beratungsstellen, etwa vom Diakonischen Werk, z.B.   in Husum .   Dort können sich Betroffene, aber auch Angehörige, informieren und sich über die nächsten Schritte beraten lassen."

Was kann ich selbst tun, um einer Depression vorzubeugen?

Das ist einfach: die Geheimwaffen gegen gedrückte Stimmungen bei sonst gesunden Menschen heißen ‚Bewegung und Licht‘. Jede Art von Sport und Bewegung hat einen starken und sehr positiven Einfluss auf unseren Gehirnstoffwechsel. Jede Sportart ist dabei hilfreich, außer solche, bei denen man sich nicht bewegt …

Regelmäßige Bewegung, wie etwa mindestens eine halbe Stunde Spazieren gehen, Inline-Skaten, Tanzen, oder Schwimmen und dazu mindestens zweimal die Woche einen Sport ausüben, bei dem der Puls richtig hochgeht, wären dabei ideal.

Aber jede Art an zusätzlicher Bewegung hilft. Am besten bei Tageslicht, denn unser Körper braucht auch das Licht, um wichtige Substanzen zu produzieren, zum Beispiel Vitamin D oder Serotonin: das ist unser ‚Glückshormon‘ und für eine gute Stimmungslage sehr wichtig.

Also: runter vom Sofa, Handy weglegen, rausgehen, Licht tanken und sich bewegen. Das beugt nicht nur einer Depression, sondern auch anderen seelischen Störungen und chronischen Erkrankungen vor.“

Helfen Handy-Apps bei einer Depression?

„Das lässt sich gar nicht so einfach beantworten. Es kommt auf die App an. So gibt es Apps, deren Wirksamkeit in Studien nachgewiesen ist und die von den Krankenkassen akzeptiert sind. Sie können per Rezept verordnet werden und es findet eine Begleitung durch Therapeut*innen statt. Das ist eine gute digitale Möglichkeit, um z. B. nach einer Behandlung den Therapieerfolg langfristig zu sichern und zu stabilisieren.

Apps, deren Wirksamkeit nicht durch seriöse Studien bewiesen sind, würde ich Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, nicht als alleinige Therapiemaßnahme empfehlen.

Menschen mit Depressionen benötigen immer zunächst ärztliche Hilfe und eine auf sie zugeschnittene Therapie. Eine seriöse App kann therapiebegleitend oder in der Nachsorge durchaus unterstützend wirken.“


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