Gedanken zum Leben und Glauben

Hier veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen die "Gedanken zum Leben und Glauben" von Mitarbeitenden der DIAKO Nordfriesland.

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Seelsorge und mehr

AG Spirituelle Gestaltung

Dem Himmel so nah

Johanna Christiansen, Psychologische Psychotherapeutin

Gedanken über den Himmel, Gott, Wind und Antworten 

An der nordfriesischen Küste laufen im Sommer auf dem Deich nicht nur Schafe, sondern auch viele Gäste, die den weiten Blick über Nordsee und Binnenland genießen. In der Tat ist man hier dem Himmel sehr nah. 

Einheimische wissen dies auch in allen anderen Jahreszeiten für sich zu nutzen. Nichts ist reinigender als der Wind, auch für trübe Gedanken. 

Und die Spiritualität - Gott über und um allem erfährt man hier ebenfalls. Was stellen wir uns eigentlich unter Himmel vor? Es ist sicher mehr als endloses Blau und sich hochauftürmende Wolken. 

Was ist drin im Himmel? Wohnt dort Gott? Sehen uns alle geliebten Verstorbenen zu? Wachen dort die Engel über uns Menschenkindern? Stellen eigentlich nur Kinder solche Fragen?

Wer auf der Suche ist, sucht auch im Himmel nach Antworten für sich und sein Leben.

Patienten aus unserer Klinik gehen seit Jahrzehnten montags zu einem Deichmarsch. Häuser haben sich geändert, Personal ist ausgetauscht, der Deichmarsch hat Bestand. Und wer hier Patient war, kennt Erlebnisse, die er hautnah im Sommer oder in der Herbstzeit erfahren hat. Den Wind um die Ohren, der weite Blick – die unendlich lange Strecke vor sich, geht man seinen Trott. Bleibt mit den Gedanken bei sich, meditatives Gehen. Mal ein Schaf vor sich, eine Möwe fliegt aufs Watt hinaus – und im Sommer streifen die Schwalben am Deich hin und her, und für den einen oder anderen ist der Hauch Gottes spürbar.

Das Beste was man dort erlebt, ist ein weites Herz und ein klarer Horizont.

(aus: Kirchliches Wort, shz 2016)

Aus der Sicht eines Betroffenen

„Jesus hat das Leiden und den Tod besiegt. Gottes Hand hat ihn durch alles hindurch getragen. Das war ein schwerer Sieg – und ihr, liebe Patienten, wisst, was ein schwerer Sieg ist! “, Pastor Peter Schuchardt

Auszug aus der Passionsandacht mit Patienten und Mitarbeitenden

Ein Betroffener berichtet:

Ich habe viele Schläge erhalten im Leben, zu Recht und auch zu Unrecht.
Es ist sehr schwer dazu zu stehen.
Gerne würde ich ausbrechen und sagen:
„Mog doch din Schiet alleen!“
Doch ich bleibe standhaft.
Das Gebet, der Draht zu Jesus, gibt mir Kraft!

In der Selbsthilfegruppe ist das „so tun als ob“ vorbei.
Hier kann der Kopf oben bleiben, hier muss sich
keiner verstecken.
„Ja, das habe ich getan“, das höre ich oft bei uns.
Heute bin ich klar im Kopf, nüchtern,
kann mich zeigen.
Hier stehe ich und bin durch das Leid gegangen.

Welch ein Leiden, welch eine Qual,
wie viele Tiefschläge folgten auf Zeiten des Lügens,
Verheimlichens, Vertuschens, Versteckens.
Alkoholiker zu sein ist eine Tortur, solange man trinkt,
für alle, Partner, Kinder, Kollegen, Freunde.

Aussicht auf bessere Zeiten kamen erst nach der Entgiftung, mit Freunden an meiner Seite, ich bin so froh darüber!
Und erstmals gibt es Lichtblicke, Aussichten auf bessere Zeiten.
Leicht ist es nicht. Was ist im Leben schon leicht! Nüchtern sein, das ist nichts für Feiglinge!
Ich kann nun wieder weit in meine Zukunft sehen.

Wie man hier in Nordfriesland sagt:
„Rüm Hart,  klar kiming.
Weites Herz, klarer Horizont!“

Beten im Sturm

Johanna Christiansen, Psychologische Psychotherapeutin

„Ich bin trotz allem um mich herum nicht allein.“

In der Nacht zum 17.Februar 1962 brach über die deutsche Nordseeküste die schwerste Sturmflut seit über 100 Jahren herein. Dies ist nun 55 Jahre her. Meterhohe Wassermassen ließen die Deiche in Hamburg und auch bei uns in Nordfriesland brechen. Der Deich im Uelvesbüller Koog brach um 22 Uhr auf einer Länge von 100 Metern. Die Bewohner erwischte es im Schlaf, denn im Unterschied zu den Halligleuten, die aufblieben und rechtzeitig auf den Dachböden Schutz suchten, wähnten sich die Festlandbewohner hinter dem Schutz ihrer Deiche in vermeintlicher Sicherheit.

Gegen 23 Uhr wurde in Husum Katastrophenalarm ausgelöst. Das, was einige Nordfriesen nur aus dem „Schimmelreiter“ kennen, den einsamen Deichvogt, der sich neben den tosenden Naturgewalten ausgeliefert sieht, traf auf unzählige Helfer in diesen Stunden zu. Manche haben in dieser Stunde wieder das Beten gelernt.

Auch meine Tante Tiede und mein Onkel Georg retteten sich auf den Dachboden ohne zu wissen, wann Hilfe kommt. Grausam erlebten sie die unvorstellbare Zerstörungskraft des Wassers. „Tand, Tand ist das Gebilde von Menschenhand.“ Alles, was sie in ihrem Leben aufgebaut und mit ihrer Hände Arbeit geschaffen hatten, war weg, in einer grausam, alles vernichtenden Flut verschwunden.

Ihr Leben und das aller Nordfriesen blieben ihnen erhalten, anders als in Hamburg. Doch die Stunden bis zur Rettung mit dem Boot waren für das alte Ehepaar endlos. Lautes gemeinsames Beten blieb. Einmal erlernt, ein rhythmisches Aufsagen, immer wieder sich wiederholend. So wie es in unseren Kirchen noch heute praktiziert wird. Es vermittelt ein Gefühl der Zusammengehörigkeit:

„Ich bin trotz allem um mich herum nicht allein.“ Und wenn man genau hinhört, wird das Tosen des wütenden Sturmes ein wenig abklingen.

(aus: Kirchliches Wort, shz 19.2.17)